Wahr sein

Dies ist vorerst mein letzter Blogeintrag, denn ich möchte das Labyrinth meines Verstandes verlassen, nach einem Ausweg zu suchen führt bloß tiefer in das Labyrinth. Genug mit dem pausenlosen Reflektieren, dem Zerschneiden und Verstehenwollen, die Psyche ist selbstregulierend und es reicht, alles wertfrei zu beobachten. So wie ich die letzten Jahre lebe, könnte ich nicht in Frieden sterben, denn ich lebe nicht. Ich folge den Fußstapfen meines Vaters: Depression, Isolation und Minderwertigkeitsgefühle. Nur eine bewusste Umkehrung holt mich aus dem schwarzen Loch, der eingeschlagene Weg führt bloß zu mehr Selbstbesessenheit und lässt mich Kreise in Kreisen drehen. Mein Leben ist sinnlos, denn es hat keinen Bezugspunkt außerhalb von mir, dient nicht etwas Größerem als mir selbst. Ich möchte mich mit der Welt versöhnen, sie nicht mehr als Illusion betrachten und ihr Bedeutung geben. So lange man in der Welt ist, ist sie real, ebenso wie ein Traum so lange real ist, so lange man träumt. Maya ist die kreative Kraft, mit der Gott das Universum kreiert, ein Aspekt von Gott und damit nichts, dem man den Rücken zuzukehren hat.

„In dunkler Nacht leben jene, für die
allein die Welt draussen real ist; in noch dunklerer
Nacht jene, für die allein die Welt drinnen
real ist. Das erste führt zu einem Leben
der Tat, das zweite zu einem Leben der Meditation.
Aber jene, die tätiges Handeln mit Meditation verbinden,
überqueren das Meer des Todes durch tätiges Handeln
und gehen in die Unsterblichkeit ein
durch die Ausübung der Meditation.
So haben wir’s von den Weisen vernommen.“

Isha Upanishad

Ich habe genug von der Höllenfahrt und entscheide mich, langsamer voranzuschreiten und das Menschsein zu integrieren. Samsara und Nirvana sind eins, es gibt keine Trennung zwischen spirituell und weltlich, menschlich und göttlich. Ein Leben in der Welt schließt Yoga nicht aus. Wenn ich mich alleine auf Yoga fokussiere und alles andere vergessen, betrachte ich das Leben einseitig, was unweigerlich zu Schatten und damit zu Krankheit führt. Der Prozess ist fruchtreicher, wenn ich mich erst auf den Schatten fokussiere, dann auf das Licht. Es gibt keinen Grund mehr zur Eile, denn es ist mein Geburtsrecht, frei zu sein und ich kann nicht ewig meine wahre Natur vor mir verbergen. Der Wunsch nach frühzeitiger Transzendenz ist letztendlich Flucht und Ausdruck von Trauma, das weiß ich schon lange, vergesse ich aber immer wieder. Und außerdem, wie kann man etwas entsagen, wenn man nichts hat? Entsagt ein Blinder dem Augenlicht, ein Tauber dem Gehör? Wahre Entsagung ist nicht, die Welt von mir zu stoßen und alles Handeln in ihr einzustellen, sondern nicht an die Früchte meiner Taten angehaftet zu sein, den Geist und die Wünschen zu opfern, ohne Hoffnung und ohne Angst zu leben. So kann ich in der Welt leben und bin doch nicht von der Welt, denn für mich dient die Welt alleine der Bewusstwerdung und Befreiung, nicht darin, sich in ihr zu verlieren. Ihr Sinn ist der, sie zu überwinden.

Sadhana (spirituelle Praxis) ist, mich so zu sehen, wie ich im Moment bin und nicht so, wie ich mich gerne sehen möchte. In den letzten Wochen habe ich mich tagtäglich gefragt, wo ich mich belüge, denn ich wurde das Gefühl nicht los, dass etwas nicht stimmt. Lange rang ich mit der Antwort. Immer wieder tauchte sie am Rande meines Bewusstseins auf, doch wollte ich sie nicht annehmen, denn sie ist mein liebgewordenes, falsches Selbst. Hier mein Geständnis:

  • Ich tue bloß, als würde ich über den Dingen stehen, bin jedoch immer wieder gefangen im Leid.
  • Meine Weisheit ist nicht meine eigene, sondern geliehen.
  • Ich kann meine hohen Standards nicht erfüllen und nicht immer dem folgen, was ich weiß.
  • Meine Isolation ist nicht gewählt, sondern ein Schutzmechanismus, der in der Sprache des Yoga gerechtfertigt wird. Isolation heißt, ich lehne euch ab, was übersetzt heißt, dass ich mich ablehne.
  • Die Dringlichkeit meines Bestrebens nach Samadhi ist übertrieben und spiegelt sich nicht in meinem Verhalten wieder. Hinter dem Wunsch verbirgt sich in Wahrheit Todessehnsucht und Angst vor dem Leben.
  • Ich bin nicht bereit für den direkten Weg und kann nicht auf der absoluten Ebene leben, ohne mich zu hypnotisieren und zu belügen. Den Bewusstseinszustand, den ich nach Satsang in der Schweiz hatte, kann ich nicht halten.

All die Lügen sind Teil der Maske, die ich so lange getragen habe, dass sie mir ins Gesicht gewachsen ist. Sie ist die Mauer zwischen mir und der Außenwelt, das große Hindernis meines Wachstums. Es ist nun sicher für mich, ohne Maske und ohne Schutz zu leben. Eine verzerrte Sicht auf den Vater (Tyrann) führt zu einer verzerrten Sicht auf die Welt, macht sie zu einem feindlichen Ort. Ist die Sicht auf den Vater korrigiert, sieht auch die Welt anders aus. Die Lügen meines Lebens sind nicht grundsätzliche Falschheit, sondern viel mehr eine einseitige Betrachtung meiner Selbst. Der Yogi ist wahr und der Schmerz ist wahr und beide Pole haben ihre Existenzberechtigung. Doch richte ich mein Leben zu schnell auf Yoga aus, entsteht eine Gegenkraft, die mich noch stärker in das weltliche Leben wirft. Mit der Zeit konnte ich ein wiederkehrendes Muster beobachten: Immer, wenn ich mich auf Entsagung fokussiert habe und Zeit mit Sadhus verbracht habe, kam danach eine Periode der Umkehrung, in der ich ein weltliches Leben führen wollte, Familie und Arbeit haben wollte. Jedes Mal, wenn ich rigoros in meiner Disziplin war, folgte eine Phase, in der ich alle Struktur losließ, mich Hedonismus und Faulheit hingab. Die Kunst des Lebens ist also, die miteinander in Konflikt stehenden Gegensätze zu versöhnen, Sowohl—als-auch, anstatt Entweder-oder zu leben. Wahr ist man, wenn man zwischen den Polen steht.

Und somit erkenne ich endlich, was das Kreuz ist, dass ich all die Jahre auf meinen Schultern trage. Es ist die falsche Identität, die viel Mühe und Energie kostet, aufrecht erhalten zu werden, die mich abhetzt, schnell zu transzendieren. Nun darf ich endlich allzumenschlich und fehlerhaft sein, brauche niemand besonderes sein und muss nicht schnell den Gipfel erklimmen, weil ich sonst vernichtet werde. Meine versöhnte Identität heißt Aruna. So schließt sich ein Kreis. Kurz vor meiner Reise nach Indien und Arunachala nehme ich die Botschaft an, die der rote Berg mir vor zwei Jahren mitteilte und den Namen, den Nishkama mir dort gab. Jetzt gibt es erst einmal keinen Grund mehr, hier weiter zu schreiben, denn ich hab mit diesem Eintrag meinen ersten Schritt auf den Weg hinaus gemacht. Schreiben, das nicht aus dem Sein heraus geschieht, ist intensives Denken. Kein Gedanke ist absolut wahr und ich möchte dem Verstand keinen Glauben mehr schenken, soll er plappern, was er will. Der Verstand ist nicht mein Freund und versucht alles, mich von meinem Weg abzubringen, weil er Angst vor seiner Vernichtung hat. Es gibt keine Antworten im Verstand, nur mehr Fragen. Wenn Zweifel zu einem Dauerzustand werden, man verzweifelt und nicht bezweifelt, dann ist das Selbstmord. Immer wieder hat der hinterhältige Verstand versucht mir einzureden, dass ich falsch sei und anders sein müsste. Doch jede Vorstellung davon, wie die Dinge sind oder sein sollten, ist ungültig, denn sie beruht auf Glaube, niemals auf Wirklichkeit. Der Beweis für die Gültigkeit einer Vorstellung liegt allein im Verstand, es gibt keinen außerhalb von ihm. Muss in Stille etwas anders sein? Also halte ich jetzt die Klappe, genug mit dem bla bla bla.

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Sharanagati

In den Patanjali Yoga Sutras wird Yoga als Stillstand der Modifizierungen des Geistes definiert (Sutra 1.2) oder anders ausgedrückt als Samadhi. Samadhi ist Weg und Ziel des Yoga. Wenn man im Zustand des Yoga ist, dann ruht das Selbst in seiner wahren und unsterblichen Natur (Sutra 1.3). Sind die Wellen des Geistes nicht zurückgehalten, ist das Selbst mit den Wellen vermischt und die wahre Natur ist verschleiert (Sutra 1.4). Sadhana (Prozess, spirituelle Praktiken) dient dazu, den Schleier des Ichs zu entfernen, welches einen an das Gesetz von Ursache und Wirkung bindet. Das unaufhörliche Verlangen des Ichs, Freude zu vermehren und Leid zu vermeiden, ist Treibstoff für den Geist und verhindert damit den Zustand des Yoga. Es heißt, der direkteste Weg, Yoga zu erreichen, sei Hingabe an Gott (Sutra 1.23, 2.45), denn absolute Hingabe löst jedes persönliche Verlangen (ebenso dessen Gegenpol Abstoßung) auf, und damit das Ich, wodurch die Wellen des Geistes von alleine verstummen. Was aber nicht heißt, dass das Ich getötet wird, sondern die Herrschaft des Ichs über einen löst sich und der persönliche Wille verschmilzt mit dem göttlichen. Das ist allerdings keine einfache Methode, denn sich hinzugeben heißt, ohne Zukunft zu leben, ohne Erwartungen, Präferenzen oder Wertungen. Man schreitet sozusagen zur Seite, hört auf, das eigene Leben steuern und richten zu wollen, sodass man nicht mehr dem Wirken Gottes im Weg steht. Egal was kommt, ob Freude oder Leid, Erfolg oder Misserfolg, man unterscheidet nicht und reagiert nicht negativ auf schwierige Umstände, denn alles was geschieht, ist Gottes Wille. Hingabe bedeutet, ein Kind Gottes zu sein und die Verantwortung für das eigene Leben komplett abzugeben. Und all das natürlich, ohne dadurch Samadhi oder sonst ein Ergebnis zu erwarten.

„Wenn du einen Wunsch frei hättest, was würdest du dir wünschen?“ fragte mich mein Vater. Ich wusste keine Antwort, habe eine Zeit lang nach einer gesucht, denn ich weiß, dass einem ehrlichen Wunsch Erfüllung gewehrt wird, und konnte keine finden. So dachte ich erst, ein echter Yogi zu sein, wäre ein guter Wunsch oder in Indien zu leben und dort eine Familie zu gründen. Doch schnell wurde mir bewusst, dass jedem Wunsch ein weiterer folgt und man dadurch an das Ich gebunden bleibt. Kann ich überhaupt wissen, was es für meine Bewusstwerdung braucht? Nein, und allein darum geht es mir. Also opfer ich alles Wünschen und Wollen, soweit es mir möglich ist, und lerne, mich hinzugeben. Viele Jahre habe ich versucht, meinen Willen zu gebrauchen, um mich zu transformieren. Das Ergebnis? Ich bin in eine Sackgasse gelaufen, habe mich in meiner Innenwelt verirrt und bin ausgebrannt davon, immer wieder den Stein den Berg hochzurollen. (Eigennützige) Handlung befreit nicht, sondern bindet an das Ich und führt damit zu mehr Leid. Der Wille ist machtlos, eine Transformation herbeizuführen.

In Sutra 2.15 heißt es ferner, dass für denjenigen, der spirituelles Unterscheidungsvermögen entwickelt hat, alles Leben Leid ist, weil es steter Wandlung unterworfen ist und durch den Konflikt der Gunas und der Modifizierungen des Geistes (Vrttis) keine anhaltendes Glück möglich ist. I.K. Taimni schreibt in seinem Kommentar der Yoga Sutras, dass alle Lebensumstände eine Produkt unserer Wünsche sind, ob aus diesem oder einem vergangenen Leben (ich sehe Reinkarnation metaphorisch, man durchlebt viele Leben in einer Inkarnation), doch Wünsche brauchen eine gewisse Zeit, bis sie zur Erfüllung kommen und während dieser Zeit hat sich der Wunsch womöglich durch den Wandel der Gunas und Vrttis in sein Gegenteil gekehrt und wir sind unzufrieden mit den nun gegebenen Lebensumständen.

Doch kann ich Sharanagati in meiner jetzigen Lebenssituation anwenden, ohne dadurch notwendige menschliche Entwicklungen zu blockieren? Ist es zu früh, die Bindung an das Ich zu lösen, weil es sich nicht zu einem starken und gesunden Ich entwickeln konnte? Laufe ich mit einem spirituellen Konzept vor der Verantwortung meines Lebens davon? Wahrheit ist das höchste Gut für mich, deswegen kann ich nicht aufhören, mich zu hinterfragen. Ohne Wahrheit kann es niemals Freiheit geben, denn wo Lüge ist, da ist Angst und Gefangenschaft. Wahrheit ist die Liebe zur Freiheit.

Kritik an der Psychotherapie

Nach dem ich durch einigen Therapien gegangen bin, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass mir kein Therapeut helfen kann, im Gegenteil, sie stehen meinem Selbstverwirklichungsprozess im Weg. Jeder Therapeut, ob bewusst oder unbewusst, überträgt Gedankenformen auf seinen Patienten, die fatalste: „Ich bin krank und muss anders sein.“ Jede Diagnose nimmt ein Eigenleben an, sobald man sie glaubt, legt sich wie eine Schablone über die Wirklichkeit und friert ein. Es ist die Diagnose, die krank macht und damit der Imperativ, dass man nicht sein darf, wie man ist. Heilung ist, alle Gedankenformen und damit jedes Konzept von Gesundheit und Krankheit zu entfernen. Menschen sind nicht krank, sie werden krank gemacht. Wer definiert Gesundheit überhaupt? Ein jeder dort draußen trägt eine Maske der Gesundheit, auch die Therapeuten, denn wir leben in einer verdammt kaputten Welt. Haben die Therapeuten überhaupt eine Landkarte für die Innenwelt? Ich denke die wenigsten. Meist ist die Sicht zu beschränkt, bezieht nicht die subtilen Dimensionen ein. Was bringt es, Gefühle zu erlösen, die keine persönliche Ursache, sondern von verlorenen Seelen stammen, die an einen geheftet sind? Reinste Sisyphosarbeit, da reicht ein Leben nicht aus, um gesund zu werden. Doch das ist ein anderes Thema und es ist mir dienlicher, von einer anderen Ebene auf die Dinge zu schauen.

Perfekte Heilung gibt es nicht und es gehört zum Menschsein dazu, Verletzungen zu tragen, wir haben damit zu leben. Arbeiten wir an Problemen schaffen wir Probleme, denn es verhält sich mit ihnen, wie mit einem Krebsgeschwür, schneidet man es an einer Stelle weg, taucht an anderer ein neues auf. Fragen wir uns lieber „Wer ist es, der Probleme hat?“. Absolut betrachtet hat keine Geschichte Bedeutung und Heilung ist irrelevant für den, der sich von der Persönlichkeitsstruktur befreien möchte, denn sie bezieht sich stets auf den Traumzustand, darauf einen schöneren Traum zu haben, und führt nicht zu Befreiung. Allein Selbsterkenntis befreit. Für die Menschen, die einen Albtraum haben und schöner träumen möchten, ist körperorientierte Tiefenpsychologie sicher hilfreich, doch sie wird zu einer Sackgasse, wenn Therapeut und Patient nach perfekter Heilung suchen, dann umgeht sie das Leben und wird zur Flucht. Ebenso führt es zu nichts, Emotionen zu viel Wichtigkeit beizumessen. Sie sind Zeitverirrungen, durch die Vergangenheit bestimmte Reaktionen auf den Moment. Man kann sie allerdings auch als Treibstoff für inneres Wachstum und äußere Handlung betrachten, denn sie drängen uns dazu, etwas zu tun, sind sonst aber bedeutungslos. Es gibt nur ein wahres Gefühl, das ist die Liebe Gottes, die Stille Akzeptanz in unseren Herzen, das alles und jeder in perfekter Ordnung ist. Wahre Liebe hat nichts mit rauschhaften Verliebtsein oder ähnlichen Zuständen zu tun, sondern ist wie ein ruhiger See. Alle anderen Gefühle sind sekundär.

„It’s no measure of health to be well adjusted to a profoundly sick society.“

– Krishnamurti

Mein Leben wahr bisher die endlose Wiederholung einer Traumaschleife, immer wieder zog ich Erfahrungen an, die meine Vergangenheit spiegelten, umgab mich mit toxischen Menschen, die mich aussaugten und stieß die „Guten“ aus Angst vor Verletzung davon. Als ich mich intensiv mit dem Thema Trauma und PTBS auseinandergesetzt, verstand ich das Muster, das sich durch mein Leben zieht, doch ebenso hat Diagnose mich krank gemacht. Ich schließe nun ab mit dem und entscheide mich für das Leben. Dies sind meine letzten Gedanken dazu: Trauma ist eine instinktive körperliche Reaktion, die normalerweise mit einer Entladung einhergeht. Wenn der Körper sich nach der Erfahrung jedoch nicht entlädt, wird die Muskelkontraktion – aus der traumatischen Erfahrung – chronisch und eine Kurzschluss-Schleife entsteht. Das Gehirn glaubt, weiterhin in Gefahr zu sein und sendet dem Körper Signale, um im Alarmzustand zu bleiben. Das chemische Grundniveau von Adrenalin und Serotonin ist durcheinander und der Körper wird davon abgehalten, seinen natürlichen Rhythmus von Erregung und Ruhe zu folgen. Die Person befindet sich nun ständig im Kampf-oder-Flucht-Modus, der Lebensfluss ist unterbrochen. Das Ergebnis: Stress, Konzentrationsprobleme, chronische Anspannung, Entkräftung, Schlafstörungen, Angstzustände und Depression. Diese Symptomatik wird als posttraumatische Belastungsstörung (kurz PTBS) bezeichnet, da sie jedoch nicht offensichtlich ist, wird sie oft nicht erkannt. In schamanistischen Kulturen wird Trauma als Seelenverlust bezeichnet. Erlebt ein Mensch eine traumatische Erfahrung, spaltet sich ein Teil von ihm ab, damit er das Erlebte aushalten kann und nicht davon überwältigt wird. Dieser Teil kommt jedoch nach dem die Erfahrung durchlebt ist nicht wieder von alleine zurück und wird von einem Schamanen, der die Geisterwelt betreten kann, wieder zurückgeholt.

Ich glaube, dass ein Großteil unserer Welt traumatisiert, von der inneren Gefühlswelt abgeschnitten und betäubt ist, weil fühlen zu schmerzhaft ist. Trauma wird von einer Generation zur nächsten weitergegeben, weil es nicht erkannt und somit auch nicht erlöst wird. Viele Menschen sind nicht durch ihre eigenen Erfahrungen traumatisiert, sondern durch die der Familie oder des Kollektives, ein extremes Beispiel für kollektives Trauma ist Israel. Wenn unser Gesundheitssystem doch so gut funktioniert, warum bereitet sich dann eine regelrechte Epidemie an psychischer Krankheit in der westlichen Welt aus? Kann es sein, dass unsere Sicht des Menschen zu beschränkt ist, weil sie die spirituelle und mystische Dimension ignoriert? Bis auf unsere Kultur, werden diese Dimensionen des Seins von allen Kulturen anerkannt. Der westliche Menschen hat sich mit der Leugnung dieser Aspekte des Seins, von seiner Quelle abgeschnitten, das Ergebnis ist Materialismus, Werteverfall und Entfremdung. Schizophrenie beispielsweise ist eine Erfindung der westlichen Zivilisation, sie war bis dahin nicht existent in all den nicht-westlichen Kulturen der Welt. Wenn in anderen Kulturen jemand eine Psychose oder Schizophrenie erlebt, dann wird er nicht als krank stigmatisiert und das was er erfährt, wird als real betrachtet. Er hat sozusagen die Gabe, zu sehen, was andere nicht sehen können. Solche Menschen werden dann oft zu Heilern und das was sie erfahren und wahrnehmen, hat einen hohen Nutzen für ihre Gesellschaft. Schwere geistige oder körperliche Krankheit wird in schamanistischen Kontext als Initiationskrankheit und damit als etwas positives angesehen, bei der die alte Persönlichkeit stirbt und der Mensch mit neuen Fähigkeiten wiedergeboren wird. In unserer Kultur wird jemand der eine psychospirituelle Krise durchlebt pathologisiert. Allein die Benennung dieser Symptome als krankhaft hat einen negativen Einfluss auf den Lauf der Dinge. Krank ist nicht der Prozess den die Person durchlebt, sondern viel mehr die alte Persönlichkeit, der Erneuerungsprozess könnte als eine Art der Natur angesehen werden, diesen Fehler zu korrigieren. Bei uns fehlt jedoch jegliches Verständnis von nicht-alltäglichen Bewusstseinszuständen und der Prozess wird gewaltsam mit Medikamenten unterdrückt. Der Prozess strebt jedoch nach Beendung, sprich Heilung und Erneuerung der Persönlichkeit, sodass die Symptome immer wieder auftauchen, um wieder von Medikamenten unterdrückt werden; ein Teufelskreis, der die Person nicht gesund werden lässt. Erfährt bei uns ein Mensch erhöhte Sensibilität oder macht übersinnliche Erfahrungen, wird er in den meisten Fällen denken, er habe den Verstand verloren, da ihm seine Umgebung genau das widerspiegeln wird. Uns fehlt der Kontext für solche Erfahrung und Mentoren, die durch diesen Prozess gegangen sind und uns erklären können, was vor sich geht.

Ich denke, Leben allein heilt Trauma, in dem wir die alten, ungültigen Erfahrungen mit neuen Erfahrungen überschreiben, anstatt immer wieder in der Vergangenheit rumzuwühlen. Haben wir ein volles Glas mit dreckigem Wasser und kippen sauberes Wasser in das Glas, wird es bald gefüllt mit sauberen Wasser sein.

Ich bin, was ich gesucht habe

Ich habe den spirituellen Weg verlassen und damit alles Streben und Werden hinter mir gelassen, so bin ich endlich zuhause angekommen. Spiritualität ist ein nötiger Evolutionsschritt, doch am Ende des Weges ist nicht die versprochene Freiheit, sondern eine Falle versteckt. Umso schneller man den Weg wieder verlässt, umso besser. Nun lasse ich all das mir so lieb Gewonnen wie einen heißen Stein fallen. Die Landkarte ist nicht die Landschaft, die Geschichte nicht die Realität und himmlische Ekstase nicht Freiheit. Alles was erreicht werden kann ist vergänglich und hat nichts mit dem zu tun, was ich wirklich bin, somit ist Freiheit, die in der Zukunft liegt, keine wahre Freiheit, denn Wahrheit ist ohne Anfang und ohne Ende. Der spirituelle Weg bestärkt bloß die fundamentale Lüge, dass ich gebunden sei und verzerrt die Sicht auf meine wahre Natur durch Schichten der Programmierung, welche Seele genannt werden. Über dieser Lüge liegen etliche weitere Schichten der Verzerrung, die den Schleier von Maya bilden. Doch in Wirklichkeit ist niemand an das Rad von Samsara gebunden. Alles Unwahre liegt in der Zeit und hört auf zu existieren, sobald ich nicht mehr daran glaube und somit gibt es keine Gefangenschaft mehr, keine Seele, die Inkarnationen durchläuft. Wer ist also zu befreien? Ich lasse mich nicht mehr täuschen und von Faszinationen irreführen, auch nicht von denen, die unendliche Seligkeit versprechen. Kopfüber spring ich in den Abgrund… und tauche auf der anderen Seite wieder auf, doch ohne mich.

Meine Wünsche und Visionen sind von mir gefallen, ebenso mein Wille und die Kontrolle. Kein Streben mehr, kein Ziel, kein Kämpfen und kein Leiden – Schmerzen sind noch da, doch leistet niemand mehr Widerstand. All die Vorstellungen davon, was ich sein möchte und denke zu sein, sind dem Feuer des Wissens geopfert. Nun darf alles sein, wie es ist und ich erkenne: alles ist und war schon immer in bester Ordnung. Ich habe keine Lebensaufgabe mehr, keine Bestimmung und keine Gaben, keine sozialen Verpflichtungen und keine karmischen Schulden. Meine Interessen verlassen mich, mein Besitz ebenso. Es gibt nichts zu tun und nirgendwo hinzugehen. Auch der Wunsch, Heiler zu werden hat sich aufgelöst und damit das Unsterblichkeitsprojekt, das Kind meiner Angst. Dadurch wollte ich überdauern, besonderes sein und Anerkennung gewinnen. Jetzt nehme ich mich an und brauche niemand mehr zu sein. Schicht für Schicht lasse ich all die Illusionen los, die meine wahre Natur bedecken, destilliere, bis nur noch die Essenz bleibt. Geblieben ist der Durst nach immer größerer Freiheit. Mein Kopf steht in Flammen und nichts in der Welt der Namen und Formen kann ihn löschen, allein das Selbst vermag mich von meiner Sehnsucht zu erlösen.

Erleuchtung ist ein Sterbeprozess, denn dabei fallen all unsere Illusionen und Anhaftungen von uns, bis nur noch das bleibt, was sich nicht leugnen lässt – ich bin. Ich lasse los, was ich dachte zu sein und damit auch meinen Willen, tue nicht mehr so, als hätte ich Kontrolle über „mein“ Leben, welche stets nur augenscheinlich ist. Es führt nicht zu Freiheit, wig den eigenen Wünschen zu folgen, viel mehr führt es zu Sklaverei durch den Verstand, denn auf einen Wunsch folgt stets der nächste. Es ist so ein großer Trug: Wenn wir bekommen, was wir uns wünschen, dann ist der Verstand für einen Moment ruhig und unsere wahre Natur, welche Glückseligkeit ist, scheint durch, doch wir denken fälschlicherweise, das Glück liege in etwas Äußeren. Ich bin auf anhaltendes Glück aus und nicht mehr auf vergängliches, auf die Realität, nicht die Illusion. Also opfer ich, so weit es mir möglich ist, meine Visionen und Wünsche in das Feuer des Wissens. Oft scheint es mir, als wolle ich nichts mehr von dieser Welt. Doch stimmt das wirklich oder belüge ich mich? Von etwas davonlaufen und auf etwas hinzu laufen sind grundverschieden und nur das letztere führt zu Freiheit.

Und was nun? Heute habe ich meinen Flug nach Indien gebucht, dort wird die Reise ohne Ziel beginnen. Ob ich als Sadhu in Indien leben werden? Möglich, doch genauso kann alles anders kommen, auch Samsara führt in die Freiheit. Ich habe keine Orientierung und keine Richtung mehr, folge bloß dem Ruf und bin dabei offen für alles, was kommen mag, denn ich möchte lösen, was noch gelöst werden möchte.

Prakrti

Einst war ein klarer See,
still, in sich selbst ruhend,
aller Anfang und Ende.
Und ein Stein fiel in den See,
brachte die Stille in Bewegung,
gab dem Formlosen eine Form.
Der Stein war Wille:
„Ich bin eins, möge ich vieles sein.“

Und da war die Welt geboren,
war Welle auf dem See,
tanzte für das ungeborene Auge.
Aus der grenzenlosen Fülle,
ging grenzenlos das Leben hervor,
unerschöpflich, voller Reichtum.
Ein jeder von uns ein Tropfen
und Ozean und All.

Je tiefer wir in uns sinken,
und erkenne, wer da schaut,
desto ruhiger die Wellen rollen.
Wenn alles was das Auge trifft
seinen Zauber über uns verliert,
wenn keine Geschichte mehr spricht
nichts mehr die Sinne bewegt,
schmelzen wir in aller Mutters Schoß.

Die Weisen sagen:
Verschmelzung mit ihr ist nicht Freiheit,
sondern ewiges werden,
Sehnsucht zur Manifestation.
Also schreite weiter.

Leide das Leid

Leid ist die höchste Form der Gnade ist, denn nur durch das richtige Verhältnis von Freude und Leid, hinterfragst du dein Leben und begibst dich auf die Suche nach dem, was stets unberührt von den Gegensätzen ist – oder in dieSucht. Welche Form auch immer dein Leid annimmt, nimm die Symptome nicht wörtlich, denn dann verlierst du dich in einem Kampf gegen die Schatten an der Wand und der Drache hält dich in seiner Höhle gefangen. Der Drache ist dein Ego, der limitierende Faktor, der deiner Befreiung im Weg steht. Er ist deine Angst und dein Zweifel, die Stimme die sagt: unmöglich. Bekämpfe ihn nicht, überwinde ihn.

Leid ist die übermäßige Fixierung auf das Ego und damit Getrenntsein vom Einen. So lange es zwei gibt und du den Gegensätzen ausgesetzt bist, gibt es Leid. In den Yoga Sutras heißt es, die Wurzel alles Leidens sei Unwissenheit, das heißt, das Falsche für das Wahre, das Vergängliche für das Unvergängliche und das Nicht-Selbst für das Selbst zu halten. Aus Unwissenheit hält sich der Sehende für das Gesehene, wodurch die Identifikation mit einem getrennten Ego entsteht, welches Verlangen, Ablehnung und schließlich Angst vor dem Tod mit sich bringt. Leid lässt sich also nicht vermeiden, solange du mit dem Ego identifiziert bist. Es findet erst sein Ende, wenn du die Wurzel entfernst und deine wahre Natur erkennst. Somit ist Leid nicht dein Feind, sondern Verbündeter. Es formt dich für einen höheren Zweck, ist Aufforderung, über deine Limitierungen und Illusionen herauszuwachsen. Alle Menschen spüren spirituelles Leid, den Verlust der Einheit mit der Quelle des Seins, doch verstehen es die wenigsten und sie versuchen ihren Verlust durch die Jagd nach Sinnesobjekte und – erfahrungen zu ersetzen, was sie ewig dursten lässt.

Drum sage ich dir: Leide das Leid und lasse dich vom Feuer reinigen. Jedem Abgrund dem du dich stellst, jedem Tod, dem du ins Gesicht schaust, führt dich tiefer zu dir selbst. Wahrhaft leben kann nur der, der ja zum Tod, zum Leid und zur Absurdität sagt. Überleben ist die Kraft, Bedeutung zu geben. Ohne Kontext schwimmst du auf offenem Meer, siehst kein Land, nur Abgrund. Betrachtest du dein Leid als etwas, das zu beseitigen ist, so ist es der Stein, der dich ertrinken lässt, doch vermagst du ihm Bedeutung zu geben, so ist es das Boot, das dich ans Ufer bringt. Eine Vision ist der Kompass, ein Funken des Licht in der Dunkelheit, der dich von innen führt. Schreibe sie dir in die Brust und vergesse sie für keinen Moment, doch lasse sie los, sobald du an Land bist, für das, was noch kommen mag.

Om Gurave Namaha

Der Guru ist das Wissen, das aus der Dunkelheit ins Licht führt. Es mag bei Zeiten durch eine Person zu einem fließen, doch eine Person ist niemals der Guru, ist niemals Freiheit. Wer am Schild stehen bleibt, kommt niemals an. Guru und Schüler sind eins und die Funktion eines externen Gurus ist den Schüler auf den Guru im Inneren hinzuweisen. All das, was man auf den Guru projiziert, das Wissen und die Macht, besitzt man selber, man ist nur noch nicht bereit, es zu tragen. Somit ist der Guru ein Prozess, sich selbst zu erkennen und der Meister, der seinen Spiegel geputzt hat, ist das Vehikel dafür, denn er ist wie ein leeres Blatt. Sobald man gelernt hat, die Stimme der inneren Führung von den anderen zu unterscheiden und ihr zu folgen, ist jede äußerliche Form überflüssig. Letztendlich führt einen das Selbst zum Selbst, welche Form es auch immer annimmt.

Danke Bholeram Baba, dass du mir Spiegel warst und gezeigt hast, wer ich bin.